El Salvador wird derzeit von
der schlimmsten Naturkatastrophe seit Hurrikan Mitch (November 1998)
heimgesucht. Ausgelöst wurden die schweren Regenfälle
und in der Folge die Überschwemmungen und Erdrutsche durch
den Tropensturm Stan, der an den Küsten Südmexikos auf
Land traf und enorme Regenmengen mit sich führte. In den Tagen
zwischen 2. und 8. Oktober fielen größere Regenmengen
als 1998 während Mitch. Am 26. September wurden in nur 45 Minuten
60 mm gemessen, am 3. Oktober wurden 100 mm gemessen. In den Küstenregionen
sind innerhalb von vier Tagen bis zu 250 mm Regen gefallen.
Einmal mehr zeigte
sich die Verwundbarkeit des Landes, die mangelnden Ressourcen, Katastrophen
dieses Ausmaßes zu bewältigen sowie das Fehlen entsprechender
Vorsorgemaßnahmen. Seit Mitch wurde kaum etwas unternommen,
um die Lebensbedingungen der Menschen in besonders gefährdeten
und exponierten Gebieten zu verbessern. Daher sind erneut Armenviertel
und Armensiedlungen betroffen, wo Menschen ihre Häuser an Bächen
und Flüssen sowie an abrutschgefährdeten Hängen errichtet
haben. Nach offiziellen Angaben sind vier von 10 Haushalten von
Armut betroffen, am Land sind es gar 60%. Diese Behausungen bestehen
meist aus Sperrholz und Wellblech. Betroffen waren aber auch wie
beim Erdbeben von 2001 neue Häuser, die am Abhang der Bálsamo-Kordillere
nahe Santa Tecla errichtet wurden. Eine durch das Erdbeben ausgelöste
Schlammlawine begrub damals hunderte Menschen. Diese Häuser
kosteten viel Geld, wurden allerdings in äußerst gefährdeten
Gebieten oder in Naturschutzgebieten errichtet.
Fast zeitgleich
mit Stan brach El Salvadors größter Vulkan, der
Ilamatepec (Vulkan von Santa Ana), nach wochenlanger Aktivität
am 2. Oktober aus. Er stieß seither über 500 Mio.
km3 Asche, Lava und Gesteinsbrocken (von bis zu einem Meter
Durchmesser) aus. Austretende Gase gefährden die Gesundheit
vor allem der Kinder, bei denen bereits Hautausschläge
festgestellt wurden. Zwei Menschen starben durch einen Erdrutsch,
mindestens 20.000 Menschen haben ihre Häuser verlassen,
5.000 wurden in Auffanglagern in Sonsonate und Santa Ana untergebracht.
Die Zone im Umkreis von 4 km um den Krater wurde komplett
evakuiert. In den angrenzenden Gebieten herrscht Alarmstufe
gelb. Die Rettungsmaßnahmen wurden durch die starken
Regenfälle behindert. Mehr als 17 Erdstöße
(der stärkste wurde mit 4,8 registriert) erhöhen
die Gefahr von Erdrutschen und Schlammlawinen zusätzlich,
da die Boden durch eine intensive Regenzeit
schon vor Stan zum Teil wie ein Schwamm voll gesogen waren
und kein weiteres Wasser mehr aufnehmen können. Die Zerstörung
der Umwelt durch Abholzung verschlimmert die Auswirkungen
von Wirbelstürmen und massiven Regenfällen.
Nach offiziellen Angaben
wurden bis 7. Oktober 73 Menschen Opfer der Katastrophe, die meisten
von ihnen (80%) wurden durch Erdrutsche und Schlammlawinen verschüttet,
weil sie im Schlaf überrascht wurden. Fast 58.000 Menschen
wurden evakuiert und in Schulen, Kirchen und anderen öffentlichen
Gebäuden untergebracht. Fast 400 Auffanglager wurden eingerichtet.
Außerdem haben wohl tausende weitere Menschen bei Freunden
und Verwandten Unterschlupf gesucht. Nach offiziellen Schätzungen
leben über 66.000 Menschen in Gebieten, die von Erdrutschen
bedroht, mehr als 94.000 leben in hochwassergefährdeten Gebieten.
Insgesamt wurden 700
größere und kleinere Erdrutsche und Schlammlawinen im
ganzen Land registriert. Davon betroffen sind auch wichtige Straßen
wie die Panamericana, die Küstenstraße, die Straße
van San Salvador nach la Libertad. Auch in Ahuachpán sind
einige Straßen blockiert und zahlreiche Orte von der Außenwelt
abgeschnitten. Experten schätzen, dass auf etwa 65% des Landes
mit weiteren Schlammlawinen zu rechnen ist.
Die Gesundheitssituation
ist dramatisch. 80% der Behandelten sind Kinder, die häufigsten
Krankheiten sind Atemwegsinfektionen, Hautkrankheiten (ausgelöst
durch den Aufenthalt im Wasser), Durchfallerkrankungen und Lungenentzündungen.
Dazu kommen psychische Probleme, Menschen sind durch die Naturkatastrophe
und den Verlust von Familienmitgliedern und ihrer wenigen Habseligkeiten
traumatisiert. Bisher haben nicht alle Auffanglager medizinische
Betreuung erhalten. Auch bei der Versorgung mit Lebensmitteln war
das staatliche Katastrophenkomitee (COEN) überfordert.
Die Elektrizitätswerke
des Landes (vor allem am Rio Lempa) mussten inzwischen ihre Staubecken
zum Teil ablassen, weil diese die Regenmengen (erheblich höher
als 1998 bei Hurrikan Mitch) nicht mehr aufnehmen konnten. Für
die Menschen und Siedlungen am Unterlauf des Lempas bringt dies
ein starkes Ansteigen des Pegels (um etwa 5 m) und weiträumige
Überschwemmungen. Von Überschwemmungen besonders betroffen
sind Orte in San Vicente (Zacatecoluca, Bajo Lempa) sowie Santa
Tecla und Zaragoza in der Provinz La Libertad. Überschwemmungen
gab es auch in Ahuachapán (im Westen des Landes) sowie in
den Küstenregionen. Auch aus Sonsonate, La Unión und
Morazán wurden Überschwemmungen gemeldet.
Am meisten betroffen
von der jüngsten Naturkatastrophe ist die Region Paracentral
(San Salvador und Umgebung). Erdrutsche zerstörten zahlreiche
Häuser, das Abwassersystem brach zusammen, Bäche traten
über die Ufer. Drei Viertel der Todesopfer waren dort zu beklagen.
Noch nicht abzuschätzen
sind die wirtschaftlichen Auswirkungen. Große landwirtschaftliche
Flächen sind überschwemmt und die Ernten vernichtet. Betroffen
sind neben den Exportprodukten Kaffee (vor allem um den Vulkan von
Santa Ana) und Zuckerrohr auch Grundnahrungsmittel wie Mais und
Reis. Auch die Fischereiwirtschaft muss mit Einbußen rechnen.
Erste Schätzungen beziffern die Verluste in der Landwirtschaft
mit $ 7,5 Mio.
Besonders betroffen
sind die Kinder. Tausende haben ihre Wohnungen und Häuser verloren.
150 Schulen wurden ganz oder teilweise zerstört. Zahlreiche
Schulen dienen als Auffanglager. Der Schulbetrieb wurde eingestellt.
Die in El Salvador ansässigen UNO-Organisationen befürchten,
dass es Wochen dauern wird, bis sich der Schulbetrieb wieder normalisiert.