Literatur aus El Salvador von Horacio Castellanos
Moya
1979, zwei Jahre vor dem Bürgerkrieg hat Castellanos
Moya seine Heimat El Salvador verlassen. Er lebte lange in
Toronto, dann in Mexico, wieder in San Salvador, Madrid und
aufs Neue in Mexiko-Stadt, wo er heute als Journalist arbeitet.
Er bezeichnet sich selbst als Heimatlosen, in El Salvador
wird er heute von Teilen der Bevölkerung gehasst. Castellanos
Moya gilt als politischer Autor weil er in seinem
Romanen den schrecklichen Bürgerkrieg und dessen Folgen
für die Gesellschaft in El Salvador immer wieder ins
Zentrum rückt. Allerdings ist Castellanos Moya kein
Chronist der Guerilla, des Volksaufstandes oder der militärischen
Repressionen während des Krieges.
Seine Romanen beginnen alle in der Zeit nach den
Friedensverträgen und handeln vom Zustand der Gesellschaft
danach in einer Zeit, in der Gewalt als Mittel der Konfliktlösung
offiziell abschafft ist, de facto jedoch weiterhin existiert. Interessant
hierbei ist die Tatsache, das Castellanos Moya sich während
des Bürgerkriegs für die linksgerichtete Guerilla engagierte
und eine Zeit lang sogar deren Pressearbeit betreute. Als die Linken
jedoch von gezielten Morden nicht mehr zurückschreckten, distanzierte
er sich von der Bewegung. Heute zählen sowohl die extreme Linke
als auch Rechte in El Salvador zu seinen Feinden.
Sein Roman El Asco Der Ekel, eine Thomas-Bernhard-Paraphrase
mit massiver Kritik an der salvadorianischen Gesellschaft rief 1997
einen Sturm der Entrüstung hervor es folgten sogar Morddrohungen
und er musste das Land abermals verlassen. Der Untertitel des Buches
lautet Thomas Bernhard in San Salvador und handelt von
einem in Kanada lebenden Salvadorianer, der wegen einer Erbschaft
nach San Salvador zurückkehren muss und über alles und
jedes schimpft die korrupten Behörden, die besitzende
Klasse, die ehemaligen Guerillaführer, die verlogenen Wirte
und ihre hässlichen Kneipen, das nationale Gesöff, die
dumpfen Passanten auf der Straße und in den Einkaufszentren.
Besonders unerträglich ist ihm jedoch die Militarisierung der
Gesellschaft, die Tatsache, dass jeder mit einer Pistole herumläuft
und nichts dabei findet, sie auch zu gebrauchen.
San Salvador ist fürchterlich heißt es in
der Erzählung und die Leute, die darin wohnen, sind durch
und durch abstoßend, ein verfaulter Haufen Menschen, der Krieg
hat alles verändert, und wenn die Stadt schon vor meiner Abreise
scheußlich war, wenn sie schon vor den achtziger Jahren grauenhaft
war, so ist sie jetzt ein reines Brechmittel. ... Wie sie gehen,
in der Form, wie sie reden, alle möchten Militärs sein,
um zu töten, das bedeutet es, Salvadorianer zu sein....
Dafür wird er von vielen Salvadorianern gehasst irgendwie
verständlich, wer lässt schon gern auf sich und sein Land
schimpfen nur kommt uns das nicht alles bekannt vor?
Wie hat einst der Nestbeschmutzer Thomas Bernhard auf
Österreich und sein Volk geschimpft, gehasst haben ihn viele
dafür, einen derart Unbequemen wollte man nicht.
Und heute über 10 Jahre nach seinen Tod wird
er von allen geliebt und verehrt. Nur was hat El Salvador
mit Österreich zu tun? Wird Castellanos Moya eines Tages ruhmvoll
in seine Heimatstadt San Salvador einziehen und von allen bejubelt
werden?
Dieser Utopie verfällt Moya nicht, nur fühlt er sich
einer unbequemen Tatsache verpflichtet die keiner mehr leugnen kann
dass ein Land wie El Salvador im Strudel der Gewalt unterzugehen
droht. Als Folge des Bürgerkriegs, der Straflosigkeit der begangenen
Verbrechen, der importierten US-amerikanischen Massenkultur, die
den Menschen im Ernstfall ein Modell anbietet, wie man sich verhalten
soll jenseits jeder Grenze von Wirklichkeit und Fiktion.
Verbrechen sind nur die logische Folge.
Wie immer man auch zu Castellanos Moya stehen mag, in seinen Romanen
versucht er ein sehr realistisches Bild der salvadorianischen Gesellschaft
zu zeichnen, hier wird nichts verklärt oder beschönigt.
Er ist ein beinharter Beobachter der Realität und fällt
somit eher aus der Riege der vielen lateinamerikanischen Autoren,
welche kaum ein böses Wort über ihre Heimat und ihr Volk
schreiben würden. Castellanos Moya ist sicherlich ein Außenseiter,
ein viel gehasster und diskutierter, aber auch respektierter. Wer
über Thomas Bernhard und seine Nörgleien schmunzeln
kann, dem ist sicherlich auch Moya Literatur zu empfehlen. Wer
El Salvador und seine Leute kennt, wird seine Literatur richtig
interpretieren können. Wer kurz vor seiner ersten El Salvador-Reise
steht, sollte von Moya eher Abstand nehmen zu voreingenommen
wäre sicherlich der Kontakt mit dem Land.
Übersetzungen von Horacio Castellanos Moyas
Romanen El arma en el hombre und La diabla en
el espejo liegen im Rotpunkt Verlag, Zürich vor: Der
Waffengänger, Die Spiegelbeichte,
aus dem Spanischen übersetzt von Jan Weiz sowie seit 2006 Aragóns
Abgang.