Hunger ist stärker als die Vernunft

Anfang Juli starben zwei Kinder nach dem Verzehr von Tortillas, die aus chemisch behandeltem Saatmais hergestellt worden waren. Die Regierung, die den Mais verteilt hatte, hielt sich bedeckt.

Von Magdalena Flores

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Familie Siliézar aus Cantón Las Cañas, Soyapango, hatte an jenem Tag – wie so oft – nichts zu essen. So beschloss José Segundo, dass seine Frau ein wenig von dem Saatmais (verbessertes Saatgut), das die Regierung an arme Bauern verteilt hatte, kochen sollte.
 Die Regierung hatte die Bauern vor der Verteilaktion darauf hingewiesen, dass der Mais mit Pflanzenschutzmitteln gegen Schädlinge behandelt worden war und daher nicht für den Verzehr geeignet sei. Doch der Hunger gewann die Oberhand über die Vernunft.  
Segundo befahl seiner Frau, den Mais sorgfältig zu waschen um das Gift herauszuspülen. Diese hatte anfangs wegen die Informationen der Behörden Bedenken. Segundo bestand aber darauf und so wurde der Mais gekocht und zu Tortillas verarbeitet.
 Die Folgen waren dramatisch: zwei Kinder starben, drei weitere Kinder und die Eltern wiesen schwere Vergiftungserscheinungen auf. Der Vorfall löste Bestützung aus. Menschenrechtsanwalt Óscar Humberto Luna (eben erst vom Parlament für eine weitere Periode bestellt) betonte, dass dies nicht als bloßer Unfall gesehen werden darf. Er meinte auch, dass man nicht die Eltern für diesen Tragischen Vorfall verantwortlich machen kann.

Naida Medrano, Vorsitzende des Konsumnetenschutzzentrums (Centro para la Defensa del Consumidor) sah den Vorfall als Folge der großen Armutsproblematik im Land. Diese Problem harrt auch unter der Regierung Funes einer Lösung. Immerhin sind 40% der Haushalte arm.
Landwirtschaftsminister Hugo Flores versicherte, dass die Menschen ausreichend informiert wurden, dass der Mais nicht zum Kochen geeignet war, was  Naida Medrano jedoch bezweifelte. Für Menschenrechtsombudsmann Luna reicht es nicht aus, die Saatgutsäcke mit kleinen Totenköpfen zu versehen und zu schreiben, dass der Mais gesundheitsschädlich sei. Immerhin könnten viele nicht lesen, nach letzten Umfragen ist jeder siebte Erwachsene Analphabet. Luna fordert daher eine gerichtliche Untersuchung des Vorfalls, um festzustellen, ob wirklich ausreichend informiert wurde und allenfalls jene, die dies unterlassen hätten, strafrechtlich zu belangen.
Man könne nicht mit Gift behandeltes Saatgut verteilen und nicht vorhersehen, dass der Hunger oft so groß ist, dass Vorsichtsmaßnahmen nicht berücksichtigt würden. Für viele Menschen ist es schwierig, den täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln zu decken, weil sie arbeitslos oder unterbeschäftigt sind. 32,1% sind es nach jüngsten Schätzungen. Viele verdienen so wie Don Ramon 4 Dollar die Woche mit einer Beschäftigung wie das Befüllen von Pickups mit Sand. Es ist klar, dass diese nicht ausreicht, um eine Familie mit sieben Kindern zu ernähren.
Sowohl Medrano wie auch Luna fordern daher von der Regierung energischere Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut, weil diese zu solch tragischen Vorfällen führt.  Laut einer Studie des UN-Entwicklungsprogramms UNDP gibt es auf einer Armutskarte 2508 Armenviertel in den Städten, wo mehr als 2 Mio. Menschen leben; das sind mehr als die Hälfte der städtischen Bevölkerung des Landes, die ohne Zugang zur Grundversorgung wie Wasser und elektrischer Energie leben.
Die Familie Siliézar lebt an einer Eisenbahnlinie in Soyapango.

 

Quelle: contrapunto

Aktualisiert: 15.7.2010